Weinprobe: Wie im Himmel

Weinprobe 03-2017

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Weinprobe war eine der besten, an denen ich bislang teilnehmen durfte. Alle Weine waren in einem perfekten Zustand und auf beeindruckendem Niveau. Zur Verkostung kamen acht herausragende Weine vom linken und rechten Ufer aus dem sehr guten bis hervorragenden Jahrgang 1990. Die Weine stammten alle aus dem Weinkeller des leider viel zu früh verstorbenen Vaters unseres Gastgebers, der mit viel Sachverstand u.a. große Weine aus dem Bordelais gesammelt hatte.
Das war die »Spitze des Möglichen«. Es fehlten eigentlich »nur« drei Weine (Pétrus, Le Pin und Ch. Lafleur), dann wäre die Spitze der Bestenliste für diesen Jahrgang vollständig vertreten gewesen. Aber das heben wir uns dann für das Paradies auf.

Ch. Cos d’Estournel : voll ausgereift, feine Nase, Würznote, rote Beeren, leicht spürbare Säure, fester mittlerer bis voller Körper, schöner Abgang. Meine Bewertung: 93/100 Pkte. (Der Wein machte in der Probe den Anfang und war der Essensbegleiter zu einem mild gewürzten »baskischen Huhn«.)

Flight 1

Ch. Léoville Las Cases : schöne, tiefe rubinrote Farbe, elegant, schwarze Beerenfrucht (Kirsche), langer Abgang, ein herrlicher Wein, gut zu trinken mit noch einigen Jahren vor sich. Meine Bewertung: 95/100 Pkte.

Ch. Haut Brion : deutliches Raucharoma, Tabaknoten, Waldboden, schwarze Johannisbeeren, ein ungemein komplexer und vielschichtiger Wein. Im Vergleich zum 89er, den wir im November letzten Jahres in gleicher Runde verkostet haben, hat mir der 90er Haut Brion besser gefallen; aber damit stehe ich wohl alleine da. Meine Bewertung: 95-96/100.

Der Haut Brion und der Leoville wurden parallel verkostet. Es sind eigentlich nur stilistische Unterschiede. Der Léoville kommt ungemein elegant und doch maskulin daher, während der Haut Brion durch seine Komplexität begeistert. Für mich wäre im Augenblick der Léoville der bessere Essensbegleiter; aber das ist – wie immer – Geschmackssache. Beide Weine haben noch mindestens 20 weitere gute Jahre vor sich.

Flight 2

Ch. Cheval Blanc : Unglaublich intensive, betörende Nase: üppig, schwarze Kirschen, spürbare Fruchtsüße, leichter Minzton, Kräuternote, kleidet den Mund vollständig aus, seidige Textur, ein absolut hedonistischer Wein, schwer zu toppen, nahe an der Perfektion. Meine Bewertung: 99/100 Pkte.

Ich hatte mich auf den 90er Cheval Blanc besonders gefreut. Bei einer Weinprobe vor drei oder vier Jahren, deren Gastgeber mein Bruder war, hatte mich der 90er Cheval Blanc ungemein fasziniert. Er war damals für mich der beste Wein des Abends – noch vor dem 89er Haut Brion. Das hatten allerdings nur die wenigsten an diesem denkwürdigen Abend so gesehen.

Ch. La Conseillante : Frische in der Nase, Kirsche, eleganter Wein, mittlerer Körper, legte im Glas nach einiger Zeit noch zu, dürfte weitere 10 Jahre auf diesem Niveau vor sich haben. Meine Bewertung: 94/100 Pkte.

Ch. Cheval Blanc und Ch. La Conseillante wurden parallel verkostet. Obwohl der Conseillante ein hervorragender Wein und vielleicht der bessere Essensbegleiter ist, war der Cheval im direkten Vergleich nicht zu schlagen.

Flight 3

Ch. Lafite Rothschild : schönes Rubinrot, in der Nase: Sandelholz, Minze, mittlerer bis voller Körper, frisch mit angenehmer Säure, eleganter Wein. Meine Bewertung: 97/100 Pkte.

Ch. Latour : Tiefe, sehr intensive Nase, reife schwarze Früchte (Johannisbeeren), kraftvoller, runder Körper, ein echtes Schwergewicht, lang anhaltender Abgang. Meine Bewertung: 98-99/100 Pkte.

Ch. Lafite und Ch. Latour wurden parallel verkostet. Es ist immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich in der Stilistik Weine aus derselben Appellation – in diesem Fall am jeweils entgegengesetzten Ende liegend – bei ansonsten vergleichbarem Niveau ausfallen können.

Flight 4

Den Abschluss der Probe bildete der 90er Margaux, der  separat verkostet wurde – für die Mehrzahl der Probenteilnehmer war dies der Wein des Abends.

Ch. Margaux : Dichtes Rubinrot, betörende Nase, süße schwarze Frucht, weich und seidig am Gaumen, kraftvoll und zugleich pure Eleganz, ein sensationeller Wein, absolut umwerfend. Meine Bewertung: 100 Pkte. Für die meisten von uns war dies der Wein des Abends.

Anmerkung: Selbst nach einem Tag mit einem Füllstand von einem Viertel war die Klasse des 90er Margaux immer noch präsent.

(Die Verkostung fand im März 2017 im privaten Rahmen statt.)