Über mich

Die Rotweine aus dem Bordelais gehören seit über vierzig Jahren zum mehr oder minder festen Bestandteil meines Lebens, sei es zu einem guten Essen, gemeinsam mit Freunden oder auf Reisen in die verschiedenen Appellationen von Bordeaux.

Über einige Vorlieben

Wein und gutes Essen haben für mich von Beginn an und auch im weiteren Verlauf der Jahre immer zusammengehört. Ich schätze deshalb eher Weine, die gute Essensbegleiter sind, und weniger solche, die bombastisch daherkommen.

Zudem gilt den weniger bekannten Namen bis heute mein besonderes Interesse. Das ist sicherlich zum einen den mittlerweile teilweise absurden Preisen der bordelaiser »Weinelite« geschuldet. Andererseits ist das Verkosten unbekannterer Weine eine gute Schule der Unvoreingenommenheit. Man ist weniger beeinflusst von bekannten Etiketten, dem Klang berühmter Namen oder dem Urteil der internationalen Weinkritik. Außerdem gewinnt man bei Besuchen dieser Châteaux abseits der ausgetretenen Pfade häufig Informationen aus erster Hand, weil man es in der Regel mit den Besitzern dieser Weingüter zu tun hat und nicht mit den mehr oder minder geschulten Vertretern der Besuchs- und Marketing-Abteilungen.

Über »Bordeaux kompakt« im Taschenbuchformat

Collage: Bordeaux-Kompass – Château Nomos
Um das Erscheinen des Bordeaux-Kompass mit einem Geschenk an Autoren der Nomos Verlagsgesellschaft passend begleiten zu können, hat der Verlag zur Buchmesse 1993 einen eigenen Bordeaux-Rotwein kreiert: Château Nomos 1989. Es handelte sich dabei um einen angenehm zu trinkenden Rotwein aus der Appellation Graves, den wir in Flaschen ohne Etiketten über einen Weinhändler in Köln von Château de Fieuzal hatten besorgen können.

Passend zur Konjunktur von Publikationen zum Thema Bordeauxweine in den 90er Jahren haben mein älterer Bruder Günter und ich 1993 in der Nomos Verlagsgesellschaft in erster Auflage den »Bordeaux-Kompass für Rotweine« im praktischen Taschenbuchformat veröffentlicht. Für über 500 Châteaux aus 20 Appellationen und 14 Jahrgängen im Zeitraum 1975 bis 1991 wurden die jeweils aktuellen Bewertungen von bis zu sieben verschiedenen Quellen in vergleichender Weise einschließlich Trinkreifeprognosen übersichtlich gegenübergestellt.

Der Bordeaux-Kompass – beständig erweitert um zusätzliche Châteaux, Jahrgänge, Quellen und Bewertungen – erfreute sich in den Folgejahren zunehmender Beliebtheit. Bis 2001 erschienen fünf weitere Auflagen, drei davon bei Nomos, die beiden letzten im Hallwag Verlag.

Bei aller Freude über den Erfolg des Bordeaux-Kompass waren mein Bruder und ich uns sehr wohl bewußt, dass Punktwerte allein der Komplexität eines Weines nicht gerecht werden können. Sie bieten aber immerhin auf einen Blick Anhaltspunkte, sich zeitsparend in der Vielzahl der Bordeaux-Jahrgänge und -Erzeuger orientieren zu können. Und wenn man die Reaktionen auf den Bordeaux-Kompass als Beleg nimmt, haben sowohl die Rezensenten als auch die Leser(innen) dies genauso gesehen und zu schätzen gewußt.

Aus mehreren Gründen haben wir das Buch-Projekt »Bordeaux-Kompass« in den Folgejahren nicht weiterverfolgen können. Ich war wegen neuer beruflicher Herausforderungen und einem damit verbundenen Wohnortwechsel zeitlich sehr eingespannt, mein Bruder wollte sich seiner eigentlichen vinologischen Leidenschaft – den edelsüßen Weinen aus deutschen Anbaugebieten – wieder verstärkt widmen, vor allem aber aus urheberrechtlichen Gründen: eine der von uns zitierten Quellen, hatte seine ursprünglich erteilte Erlaubnis, die Originalbewertungen verwenden zu dürfen, zurückgezogen.

Über »Bordeaux kompakt« als App

Damit war das Bordeaux-Kompass-Projekt fürs erste auf Eis gelegt. Es hat dann allerdings bis zur nächsten Ausgabe des Bordeaux-Kompass 17 Jahre gedauert, diesmal nicht als Buch, sondern – den neuen medialen Anforderungen entsprechend – als App für Smart Phones und Tablets.

Die lange Unterbrechung hatte mehrere Ursachen. Neben den üblichen zeitlichen Einschränkungen aufgrund beruflicher Belastungen, die eine kontinuierliche Beschäftigung mit der Materie und Pflege der Daten erschwerten, waren es vor allem konzeptionelle Überlegungen und die Schwierigkeit, einen belastbaren Lösungsansatz jenseits der Originalbewertungen zu finden, die die Realisierung des Kompasses hinauszögerten.

Ich habe mich relativ frühzeitig dafür entschieden, die jahrgangsbezogenen Bewertungen der verschiedenen Quellen für jedes Château bzw. jeden Wein miteinander vergleichbar machen können. Es ging also darum, Bewertungen aus dem einen in ein anderes Bewertungssystem möglichst verlustfrei und in beide Richtungen übersetzen zu können – z.B. was ist das Äquivalent einer Bewertung von 18 Punkten aus dem 20-Punkte-System im 100-Punkte-System, oder was bedeuten 91 Punkte aus dem 100-Punkte-System in einem 20-, 10- oder 5-Punkte-System?

Die Vergleichbarkeit der Bewertungssysteme war die Voraussetzung für die Umsetzung eines zweiten Anliegens. Der Fokus sollte wegen der Urheberrechtsproblematik nicht mehr auf den Originalbewertungen liegen – auch nicht auf ihren jeweiligen Übersetzungen in andere Bewertungssysteme. Vielmehr sollten die verschiedenen Bewertungen eines Jahrgangs zu einem Château bzw. Wein in einem zentralen Orientierungswert gebündelt werden.

Als Orientierungswert bot es sich an, den Median der Bewertungen heranzuziehen1. Der Median oder »Zentralwert« hat gegenüber dem häufig benutzten arithmetischen Mittel den Vorteil, weniger empfindlich auf positive oder negative Extreme zu reagieren. Bei relativ harmonischen Verteilungen ohne Ausreißer nach oben oder unten sind die Unterschiede zwischen Median und arithmetischem Mittel dagegen minimal.

Allerdings ergab sich aus dieser Festlegung eine weitere Konsequenz: Die Belastbarkeit des Medians und damit seine Aussagekraft wächst mit der Anzahl der Bewertungen unterschiedlicher Quellen, die in ihn eingehen. Meine Bestrebungen zielten deshalb darauf ab, sich die »Schwarmintelligenz« einer möglichst großen Anzahl der wichtigsten Vertreter der professionellen internationalen Weinkritik zu Nutze zu machen. Die ursprüngliche Datenbasis, die der letzten Buchauflage des Bordeaux-Kompasses zugrunde lag – ca. 30.000 Bewertungen, 1.300 verschiedene Château, 24 Jahrgänge und 7 unterschiedliche internationale Quellen – wurde in den kommenden Jahren mehr als verzehnfacht. Heute umfaßt die Datenbank, die die Bestenlisten und Beiträge in Bordeaux-Compact auf dieser Website beliefert, mehr als 320.000 Bewertungen, über 4.000 verschiedene Château bzw. Weine, 33 verschiedene Vertreter der internationalen Weinkritik und mehr als 140 Jahrgänge. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre hat der Datenbestand jährlich um mehr als 20.000 Bewertungen zugenommen. Der Bordeaux-Kompass dürfte damit mit einiger Wahrscheinlichkeit eine der weltweit größten Datensammlungen von Bewertungen für die Rotweine des Bordelais sein.

Der Median allein ist nur von begrenzter Aussagekraft. Es bedarf eines Interpretationsrahmen, der zusätzliche Aussagen in quantitativer und qualitativer Hinsicht ermöglicht. Ich habe mich hierzu einiger Streu- und Lagemaße aus der deskriptiven Statistik bedient, die eine aufschlussreiche Einordnung und Interpretation der Durchschnittsbewertungen erlauben.2

Im August 2018 war es schließlich so weit: Der Bordeaux-Kompass 2018/19 als App stand in Versionen für iOS im App-Store von Apple und einige Wochen später für Android im Google Play-Store zur Verfügung. Zwei Jahre später und um einige Erfahrungen reicher fällt das vorläufige Fazit ziemlich ambivalent aus. Die App hat zwar hervorragende Bewertungen bekommen, die Absatzzahlen waren allerdings enttäuschend. Die dadurch erzielten Erlöse stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten für Dienstleister, ganz zu schweigen zu meinen persönlichen Aufwendungen an Arbeitszeit, Abo-Kosten etc.

Insofern ist es eher unwahrscheinlich, dass ich den Bordeaux-Kompass in der derzeitigen Form als Native-App für bestimmte Plattformen fortführen werde. In jedem Fall werde ich die Website »bordeaux-kompass.de« fortführen. Als nächstes Ziel ist eine Version der Website in englischer Sprache geplant. Darüber hinaus beschäftige ich mich zur Zeit mit den Voraussetzungen, den Bordeaux-Kompass als Web-App zu veröffentlichen.

Ungeachtet der unterschiedlichen Veröffentlichungsformen des Bordeaux-Kompass und der damit verbundenen Probleme steht für mich der Genuss der Rotweine aus dem Bordelais natürlich weiterhin im Vordergrund. In den letzten zwanzig Jahren habe ich regelmäßig die verschiedenen Appellationen des Bordeaux-Gebietes bereist, zahlreiche bekannte und weniger bekannte Châteaux besucht und an vielen offiziellen oder privaten Verkostungen teilgenommen. Ich bin immer wieder überrascht über die Vielfalt der Weine. Bordeaux ist mehr als linkes oder rechtes Ufer. Mit der Hinwendung zu einem Weinbergsmanagement, das die Unterschiedlichkeit der lokalen bzw. regionalen klimatischen Verhältnisse, die Verschiedenartigkeit der Böden und den behutsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen stärker berücksichtigt, wird sich diese besondere Qualtität der Weine hoffentlich noch weiter entwickeln.

Viel Spass beim Besuch meiner Website
Ihr
Peter Kühler

  1. Um den Median der Bewertungen zu ermitteln, werden diese zunächst nach Größe sortiert. Anschließend betrachtet man die Mitte der so entstandenen Reihe. Der Median ist der Wert, der die Reihe in zwei gleiche Hälften teilt. Bei einer ungeraden Anzahl von Bewertungen ist der Median die Zahl in der Mitte. Bei einer geraden Anzahl von Bewertungen entspricht der Median dem arithmetischen Mittel aus den beiden mittleren Werten (unterer und oberer Median).
  2. Vgl. hierzu die Erläuterungen zum aufklappbaren Teil der Bestenlisten .