Die Entwicklung der En-Primeur-Preise 2010-2019

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Mit dem Ende der En-Primeur-Preiskampagne für den Jahrgang 2019 in der letzten Juni-Woche 2020 folgen an dieser Stelle einige Hinweise zur Entwicklung der En-Primeur-Preise1 in den letzten Jahren unter Einbeziehung des aktuellen Jahrgangs.

Überblick über die Zusammenstellung der Daten

Tabelle 1 listet für 76 Châteaux aus dem Bordelais die En-Primeur-Preise in EUR pro Fl. für die Jahrgänge 2010, 2015-2019 auf. In der Tabelle wurden nur diejenigen Châteaux/Weine aufgenommen, für die in allen genannten Jahrgänge Preisinformationen vorliegen. Der allgemein als der bislang teuerste geltende Jahrgang 2010 wird dabei in Beziehung gesetzt zu den Jahrgängen 2015-2019, indem die jeweiligen Preise aus 2010 mit 100 gleichgesetzt werden, um auf dieser Basis die Preisindizes der Weine in den übrigen Jahrgängen kalkulieren zu können.

Der unmittelbar sichtbare Teile von Tabelle 1 zeigt die Preise in EUR, der aufklappbare Teil (klicken Sie hierzu bitte auf das Kreuzsymbol vor dem Namen des betreffenden Château) die Preisindizes für die jeweiligen Jahrgänge.

Tabelle 1
Die Entwicklung der En-Primeur-Preise 2010, 2015-2019

Die Preisindizes für die 76 Châteaux aus Tabelle 1 sind nochmals übersichtlich zusammengestellt in Anhang 1.

Die Anhänge 1-10 dienen als Grundlage für Tabelle 2, in der die Preisindizes für bestimmte Gruppen in den Jahren 2015 bis 2019 aufgeführt sind. Bei den Gruppen handelt es sich im einzelnen um:

  • alle in Tabelle 1 aufgeführten Châteaux/Weine (= Gesamt; s. Anhang 1),
  • die fünf Abstufungen der Grands Crus im Médoc von 1855 (Anhänge 2-6: 1er GCC bis 5e GCC),
  • die beiden Abstufungen der Premiers Grands Crus Classés der Klassifikation von Saint-Émilion aus dem Jahre 2012 (Anhänge 7-8: PGCC A / B),
  • die in Tabelle 1 aufgeführten Weine aus Pomerol (Anhang 9),
  • die in Tabelle 1 aufgeführten Zeitweine (Anhang 10).

Tabelle 2
Die Entwicklung der En-Primeur-Preisindizes 2015-2019 für ausgewählte Gruppen
(2010 = 100)

Zur besseren Visualisierung werden die Werte aus Tabelle 2 als Liniendiagramm im nachfolgenden Schaubild dargestellt. Die Identifizierung der verschiedenen Gruppen kann über die Legende im oberen Bereich des Schaubildes durch einen Klick/Tipp auf das Farbsymbol vorgenommen werden. Die betreffende Gruppe wird dann im Liniendiagramm an den Jahrgangsknoten jeweils hervorgehoben. Ein Tipp/Mausklick auf einen Jahrgangsknoten zeigt den Preisindexwert für die betreffende Gruppe an.

Schaubild
Die Entwicklung der En-Primeur-Preisindizes 2015-2019 für ausgewählte Gruppen
(2010 = 100)

Einige Aspekte der Preisentwicklung

Ein erster Blick auf das Schaubild offenbart für alle Gruppen mit Ausnahme der Zweitweine einige auffallende Übereinstimmungen:

  • Die Liniendiagramme für die Preisindizes der verschiedenen Gruppen besitzen eine charakteristische Verlaufsform, die eine gewisse Ähnlichkeit mit einem M aufweist.
  • Die Jahrgänge 2016 und 2018 erreichen dabei jeweils die Spitzenwerte und übertreffen die Jahrgänge 2015, 2017 und 2019 z.T. erheblich.
  • Das jeweilige Preisniveau der einzelnen Gruppen für den Jahrgang 2019 liegt mit Ausnahme der Châteaux aus Pomerol unterhalb der übrigen Jahrgänge.
  • Bis auf die fünftklassifizierten Gewächse aus dem Médoc für den Jahrgang 2016 kann keine der Gruppen in den Jahrgängen 2015 bis 2019 das Preisniveau des Jahrgangs 2010 (= 100) übertreffen.

Hinsichtlich der Positionierung der einzelnen Gruppen auf dem Schaubild und dem jeweiligen Verlauf der Preisentwicklung lassen sich folgende Feststellungen treffen:

  • Die Gruppe der 1er Crus von 1855 (Ch. Haut Brion, Ch. Lafite Rothschild, Ch. Margaux, Ch. Mouton Rothschild) sowie Ch. Ausone und Ch. Cheval Blanc als Vertreter der Gruppe Premiers Grands Crus Classés A aus Saint-Émilion konnten in keinem der Folgejahrgänge auch nur annährend das Preisniveau von 2010 wieder erreichen. Die Entwicklung der letztgenannten Gruppe wurde durch die gegenläufige Bewegung der beiden Chateaux Angélus und Pavie abgeschwächt. Sowohl Ch. Angélus als auch Ch. Pavie konnten, nachdem sie 2012 in den Rang eines PGCC A heraufgestuft worden waren, in den Folgejahren z.T. erhebliche Preissteigerungen erzielen (s. Anhang 7). Beide Gruppen bleiben zudem in allen Jahrgängen unterhalb des für alle Gruppen errechneten durchschnittlichen Niveaus (dunkelblaue Linie).
    Hinweis: Ch. Latour kann als 1er Crus von 1855 an dieser Stelle nicht berücksichtigt werden, da es nach 2010 nicht mehr an den En-Primeur Preis-Kampagnen teilgenommen hat.
  • In den Kontext der beiden »Top-Gruppen« gehört auch der fast dramatisch zu nennende Preisabsturz von Ch. La Mission Haut-Brion. Vom Preisportal Liv|Ex in seiner Neu-Klassifizierung in den Jahren 2009 bis 2017 als 1er Cru geführt, ist das Preisniveau in den Jahren 2015-2019 gegenüber 2010 um mehr als die Hälfte eingebrochen (s. Anhang 1, Seite 3). Wohl aus diesem Grund wurde das Château in der aktuellen Liv|Ex-Klassifikation von 2019 um einen Rang herabgestuft. Ebenfalls davon betroffen – wenn auch nicht in diesem Umfang – ist der Zweitwein »Chapelle de La Mission Haut Brion« (s. Anhang 10).
  • In die allgemeine Entwicklung fügen sich auch die Châteaux der 2es, 3es und 4es Crus des »linken Ufers« sowie die Premiers Grands Crus Classés B aus Saint-Émilion ein. Sie liegen nahezu durchgängig über dem allgemeinen Durchschnittsniveau, wobei die 2es bis 5es Crus aus dem Médoc tendenziell besser abschneiden als die Weine aus Pomerol bzw. die PGCC B aus Saint-Émilion.
    Allerdings gibt es in all diesen Gruppen einzelne Châteaux, deren Preisentwicklung nicht dem allgemeinen Trend gefolgt ist:
    • Ch. Gruaud Larose bei den 2es Crus (s. Anhang 3),
    • Ch. Calon Ségur bei den 3es Crus (s. Anhang 4),
    • mit Einschränkungen Ch. Lafon Rochet bei den 4es Crus (s. Anhang 5),
    • Ch. Clerc Milon und Ch. du Tertre bei den 5es Crus (s. Anhang 6),
    • nicht durchgängig, jedoch in einzelnen Jahrgängen Ch. Canon La Gaffelière, Ch. Figeac und Clos Fourtet bei den PGCC B (s. Anhang 8).
  • Auch die Weine aus Pomerol mit Ausnahme einiger Châteaux folgen dem allgemeinen Trend.
  • Gegenläufig zum Trend haben sich die Preise bei den Zweitweinen, mit Einschränkungen bei den 5es Crus, entwickelt. Während die Verlaufskurve der Preise bei den 5es Crus lediglich beim Jahrgang 2016 über dem Preisniveau von 2010 liegt, ist bei den Zweitweinen ein kontinuierlicher Anstieg bis zum Jahrgang 2018 mit einem sich anschließenden deutlichen Abschwung zu verzeichnen. Gleichwohl bleibt das Preisniveau für den Jahrgang 2019 noch oberhalb des Werts von 2010. Zu den absoluten Gewinnern zählen die Zweitweine der 1er Crus vom »linken Ufer«: Carruades de Lafite, Petit Mouton und Pavillon Rouge. Sie liegen im Erhebungszeitraum zwischen 33 bis 66 Prozent über den 2010 von ihnen erzielten Preisen (s. Anhang 10).

Anhänge: Preisindizes 2015-2019 für ausgewählte Gruppen

Anhang 1
Gesamt – En-Primeur-Preisindizes  2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 2
1er GCC (1855) – En-Primeur-Preisindizes  2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 3
2e GCC (1855) – En-Primeur-Preisindizes  2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 4
3e GCC (1855) – En-Primeur-Preisindizes  2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 5
4e GCC (1855) – En-Primeur-Preisindizes  2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 6
5e GCC (1855) – En-Primeur-Preisindizes 2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 7
PGCC A (2012) – En-Primeur-Preisindizes 2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 8
PGCC B (2012) – En-Primeur-Preisindizes 2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 9
Pomerol – En-Primeur-Preisindizes 2015-2019
(2010 = 100)

Anhang 10
Zweitweine – En-Primeur-Preisindizes 2015-2019
(2010 = 100)

  1. Der überwiegende Teil der klassifizierten Güter verkauft seine Weine nicht direkt an den Handel in den verschiedenen Ländern, sondern durch Vermittlung von Weinmaklern (Courtiers) an eine Gruppe von ca. 400 bis 500 Weinhändlern (Négociants) am Place de Bordeaux. Deren Aufgabe besteht dann darin, den nationalen und internationalen Handel zu beliefern. Ex-Négociant-Preise sind die Abgabe-Preise, zu denen die Weine von den Négociants an den Handel verkauft werden. Zu den Besonderheiten des Bordelaiser Weinhandelsystems vgl.
    • Peter Moser: Big Bordeaux Business, in: Falstaff 1/2014, S. 38 ff.
    • La Place de Bordeaux et les Primeurs. THE u’wine NEWS  (aufgerufen am: 05.06.2020)
    • Ausführlich: Stephen Brook: The Complete Bordeaux. The Wines • The Châteaux • The People. 3. Aufl., London 2017 (Mitchell Beazley – Octopus Publishing Group)
      Neben dem »Féret« einer der selten gewordenen Titel (im Mai 2017 in der dritten Aufl. erschienen), die einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Appellationen und die wichtigen Châteaux im Bordelais zu geben versuchen. Auch als Kindle-eBook erschienen. Da der Féret laut Aussage des Verlages erst 2021 (dann in der 20. Aufl. – als Buch und online) neu aufgelegt werden wird, die z.Zt. umfassendste und aktuellste Gesamtübersicht.

Quellen: Alle Preisangaben in EUR wurden im Laufe der Jahre bei Liv | EX bzw. Decanter veröffentlicht – ansonsten eigene Berechnungen.